Hallo lieber Wolfgang, Thilo und ihr anderen auf der Suche nach dem legendären ALTRA-Prototypen aus ‘trafic‘, hier ein möglicher Hinweis auf den Verbleib: Der ALTRA-Campingwagen wurde auf Basis eines Renault 4L von 1967 und eines F4 konstruiert und war nur für ein reines Filmrequisit erstaunlich funktionstauglich. Fast zu funktionstauglich. Das lag daren, dass der sich schwer in pekuniärer Schieflage befindliche Tati einen Vertrag mit Renault aushandelte, der ihm nicht nur den Filmwagen bescherte, sondern auch ein wenig Anfangskapital sicherte. Dafür sollte Renault den Werbeeffekt nutzen und den ‘ALTRA-Camper‘ nach dem ursprünglich versprochenen Filmstart im Herbst 1969 ausstellen. Dazu musste der Wagen alle im Film gezeigten Features auch tatsächlich beinhalten. Er wurde dann auch - allerdings mit gut zwei Jahren Verspätung - in den Wochen nach der Uraufführung 1971 in den Showräumen von Renault ausgestellt die dem Gaumont-Kino wo ‘trafic‘ Premiere hatte direkt gegenüberlagen und sollte danach auf Werbetour gehen. Was danach mit dem Fahrzeug geschah ist ungewiss, da es sich aber um eine relativ aufwendige Konstruktion handelte, stehen die Chancen nicht einmal so schlecht, dass er irgendwo eingemottet wurde oder dass zumindest noch Pläne vom Bau existieren. Was genau aus dem Wagen geworden ist müsste man also via Renault nachrecherchieren können... Sicher ist nur eines, nämlich dass es den Wagen nicht nur als Filmfake sondern als Schauobjekt in Einzelanfertigung der Renault Werkstätten gab und dass es sich bei ‘trafic‘ zwar filmhistorisch um einen ‘untypischen‘ Tati-Film handelt, der aber für den Menschen Tati selbst wieder typisch war und an dem sehr viele, sehr unterschiedliche Leute sehr lange (von 1968 bis 1971!) beteiligt waren. Hier die skurrile Geschichte: Obwohl Tati eigentlich keinen Film mehr mit der ihm inzwischen verhassten Figur des Monsieur Hulot drehen wollte, sah er sich dazu gezwungen - er war nach ‘Playtime‘ faktisch pleite und ein neuer Film sollte ihm zumindest Luft verschaffen und ihn bestenfalls vor dem finanziellen Ruin retten. Nur, wie sollte er das anstellen? Er konnte diesen neuen Film nicht, oder zumindest nicht alleine, mit seiner insolventen Firma Specta-Films produzieren und musste sich finanzkräftige Partner suchen. Jedoch war nach dem finanziell desaströsen ‘Playtime‘ (Jacques Tati hat für diesen Film z. B. ein futuristisches Paris als eigene Kulissenstadt aufbauen lassen...) niemand mehr bereit, einen Tati-Film, (noch dazu wie Tati es eigentlich wollte ohne die Figur des Hulot) zu finanzieren. Im Juni 1968 entwarfen Tati und der niederländische Dokumentarfilmer Bert Haanstra deshalb einen Vertrag mit dem Ziel, eine Filmkomödie in Farbe zu drehen. Der Arbeitstitel des Films sollte - obwohl Tati eigentlich immer noch ohne den Hulot drehen wolte - um potentielle Geldgeber zu ködern „Hulot Production No 5“ lauten. Weiters wurde vereinbart, dass ein wesentlicher Teil in den Niederlanden gedreht werden würde. Dafür hätte sich ein niederländischer Filmfonds mit 150.000 US-Dollar an den Kosten beteiligt. Es gab allerdings noch kein Drehbuch. Haanstra ließ daher von einem Comiczeichner Skizzen von komischen Ereignissen im Straßenverkehr anfertigen, aus denen er und Tati mehrere als Vorlage für die Filmszenen auswählten. „Trafic“ wurde also von Anfang an nicht als Erzählung, sondern eher als surreale Abfolge von Bildern konzipiert. Die ‘Handlung‘ entstand zum Teil erst während des Drehens und danach... Blieb die prekäre finanzielle Lage, die Dreharbeiten eigentlich nicht wirklich erlaubte. Aber der redegewandte Haanstra hatte die Amsterdamer Messeleitung vom Werbeeffekt des neuen ‘Hulot-Films‘ überzeugt und so die Erlaubnis erhalten, auf dem Amsterdamer Messegelände zu drehen. Im Frühjahr 1969 filmte er die Vorbereitungen für die Autoshow sowie Autofahrer auf den Straßen von Amsterdam. Tati hatte inzwischen Kontakt zum schwedischen Fernsehen aufgenommen. Für 200.000 $ durften die Schweden einen Dokumentarfilm über die Dreharbeiten zu „trafic“ drehen... Außerdem gelang es Tati im Sommer 1969, den amerikanischen Bankier Robert Dorfman zu einer Investition ‘in unbekannter Höhe‘ in den Film zu überreden - jedoch kam nichts von diesem Geld in den Niederlanden an... Haanstra hatte die Dreharbeiten in Amsterdam und weitere in der Autofabrik DAF daher aus eigener Tasche bezahlt. Im Juni 1969 sandte Tati Haanstra einen fertigen Vertrag. Aber Haanstras Anwälte waren entsetzt und rieten ihm dringlichst von der Unterschrift ab, da er sonst den überwiegenden Teil des finanziellen Risikos tragen müsse. Haanstra versuchte in den folgenden Wochen mehrmals vergeblich, Tati zu erreichen. Der blieb jedoch auf Tauchstation und schließlich erklärte Haanstra im August 1969 frustriert die Zusammenarbeit für beendet. Im Sommer 1970 drehte Tati mit Andreas Winding die Sequenzen auf den diversen Autobahnen, Schrottplätzen und in der belgischen Werkstatt. Auch dabei kam es zu teilweise chaotischen Szenen, die zu erheblichem finanziellen Mehraufwand führten (Die aus dem Vertrag mit Renault notwendige Reperatur des ALTRA-R4 z. B. war so ursprünglich nicht eingeplant, wurde aber kurzerhand in die ‘Handlung‘ aufgenommen) Dies alles zu trotzdem umzusetzen war ihm allerdings nur möglich, weil er inzwischen noch andere Finanziers aufgetrieben hatte, deren Geld aber genauso schnell in Tatis Händen zerrann wie das ihrer Vorgänger... Im März 1971 sollten dann die noch fehlenden Szenen in Amsterdam gedreht werden. Als die Mitarbeiter des schwedischen Fernsehens dort eintrafen, teilte Tati ihnen beiläufig mit, dass er sein Budget weit überzogen hatte und der Kameramann daher zurück nach Paris beordert wurde. Ohne Kamreamann kein Film, ohne Film keine Doku... Daher wurden die nächsten Szenen zähneknirschend von dem schwedischen Kameramann Lasse Hallström gedreht, während sein Kollege Karl Haskel die Dreharbeiten für die Dokumentation ausführte. Da Winding wohlweislich und in Kenntnis Tatis Umgang mit fremdem Eigentum oder Kapital seine Ausrüstung und alles Filmmaterial mitgenommen hatte, stellten die Schweden nolens volens Kamera und Filmmaterial auch für die Spielszenen zur Verfügung, da sie sonst auch ihre Dokumentation verloren hätten. Nach zwei Tagen hatten Tati und Hallström aber eine ‘künstlerische‘ Meinungsverschiedenheit, und Tati feuerte den Schweden kurzerhand. Am letzten Drehtag war daher ein leicht verzweifelter Haskel der Kameramann für ‘trafic‘ und die Doku.. Ende März 1971, quasi in letzter Minute vor der Premiere im April, vermengte Tati (um den Film doch noch abendfüllend zu bekommen) freifliegend Spielszenen mit realen Aufnahmen und solchen, die er während des Drehens nebenbei mitgefilmt hatte. Er scheute sich nicht einmal davor, eine Apollo 11-Übertragung via TV zu verbraten, die sich die Darsteller in den Filmkulissen angesehen hatten. Diese realen Szenen von der Mondlandung oder die Aufnahmen aus Amsterdam stehen plötzlich1:1 neben den gespielten Szenen sind aber nur zu unterscheiden, wenn man die grotesk-verrückte Entstehungsgeschichte des Films kennt. Weder die ungewöhnlich lange Drehzeit, die langen Drehpausen und zusammenhanglos gedrehten Sequenzen noch die chaotischen Zustände am Set merkt man dem Film jedoch an. Trotz notorischen Geldmangels und der teils unfreiwillig skurrilen Umstände während der Produktion gelang es Tati letztlich doch irgendwie, ein in sich geschlossenes Werk zu schaffen, wahrscheinlich sogar eines seiner besten. Und mehr noch: Gegen Ende des Films setzt Tati noch eins drauf und seiner eigenwilligen Finanzgebahrung und Unverlässlichkeit auch noch augenzwinkernd ein filmisches Denkmal: Das ALTRA-Team kommt drei Wochen zu spät, die Messe ist längst beendet. Eine Mitarbeiterin hätte eben die Termine nicht korrekt notiert... Während die anderen Aussteller einpacken, beanstandet ALTRA die Rechnung: Da der Stand nicht bis zum Schluss genutzt wurde, müsse gefälligst der Preis reduziert werden... Alles Liebe, und viel Glück beim Suchen des Originals oder beim Nachbau... Hans
Geändert von R4-Hans am 26.Aug.2015 10:33 |