Ja, wir werden alt. 9 Jahre ist es bereits her, dass sich ein naiver 19-jähriger 2013 dazu entschied sich einen R4 zu kaufen. Ich habe mal ein paar Fotos rausgekramt, damit ihr euch erinnert Ich empfehle ein Bier oder Kaffee und Popcorn bereit zu stellen - ist etwas länger geworden.
Kauf und Anmelden im Forum
Mit keiner Vorbereitung und keinem Wissen wurde der erste besichtigte R4 gekauft der meinen Vorstellungen entsprach. In einer dunklen Scheune stand zugebaut das Prachtexemplar. Ich setzte mich rein und schloss die Tür. Heraus kam ich nicht mehr ohne Hilfe des Verkäufers, weil ich vergeblich den Türöffner suchte, der sich, wie jeder R4-Fahrer weiß, in dem Türloch „versteckt“. Wie gesagt, absolut keine Ahnung. Der Verkäufer lachte sich ins Fäustchen und musste nur noch die offensichtlichen Durchrostungen unterhalb der Windschutzscheibe klein reden, um mich zu überzeugen.
 Das dies das kleinste Problem war ahnte ich nicht. Ich verliebte mich in die Leiche, die nur noch zum Schlachten gut war. Nach dem ich eine vorübergehende Abstellmöglichkeit im Obstgarten der Großeltern meiner Freundin fand, sagte ich dem Verkäufer am 12. Oktober 2013 zu und er lieferte mir den R4 auf einem Abschleppwagen. Froh den Haufen Schrott erfolgreich losgeworden zu sein fuhr der Verkäufer den seit 1991 stillgelegten R4 mit einer großen grauen Abgaswolke auf die Obstwiese.
Dann kam die Ernüchterung. Denn Familie und Freunde, selbst die, die Probleme haben Scheibenwischwasser aufzufüllen, erzählten mir, dem von Liebe geblendeten stolzen neuen R4-Besitzer, dass meine veranschlagten 4 Wochen wohl nicht ausreichen würden und ich wohl eher Monate für die Reparatur brauchen würde. Wenn die wüssten… …und wenn ich gewusst hätte…
Anfänglich schraubte ich in einer Garage eines Wohnhauses ohne Strom
Leicht gedämpft, beziehungsweise der Realität schon ein Stückchen näher, meldete ich mich im Oktober 2013 im Forum an. Zuerst noch im alten Forum bis ich von Detlef (garten_joe) ins aktuelle Forum gelotst wurde. Dort übernahmen Alois (sprowi), Hans (R4-Hans) und Ecki (R4F6 Alpine) und die damals üblichen Verdächtigen die Willkommensgrüße und die ersten aufmunternden Worte. Ich zitiere mal einen Beitrag von mir und es wird jedem sofort klar, dass ich keine Ahnung hatte worauf ich mich eingelassen hatte:
[…]Einmal ganz klar: Ich habe keine Ahnung von dieser Materie hier, aber keine 2 linke Hände. Eure Hilfe werde ich wohl noch öfter brauchen, wenn ich schonwieder sowas höre wie "viele Bleche großzügig raustrennen" läuft es mir schonwieder kalt den Rücken runter. Schweißen hab ich bisher nicht gebraucht, naja ein Kumpel wird es schon richten. Lohnt für einen R4 das Kaufen eines gebrauchten Schutzgasschweißgeräts? Habe leider auch noch keine gute Schrauberecke gefunden wie man sieht. Bin momentan auf einem Hinterhof vom Wohnhausblock in der Garage eines Kumpels, die nicht einmal Strom hat. Muss ich den Motor ausbauen wenn ich die Karosse vom Chassis trennen will? Ich hatte das bisher nicht vor, aber wenn ich eure Threads angucke wie ihr den Rahmen entspannt auf Böcke legen könnt dann sieht das praktisch aus... r4chris hatte mir in dem alten Forum schon den Tipp von abbohren gegeben. Weiß einer wie das gemeint ist?[…]
Und dann waren da noch Thomas (r4thomas) und Thomas (T.Pucci) die beide mal Tacheles sprachen, um mich vor 9 Jahren Restaurationsarbeit zu schützen. Denn sie hatten rausgelesen, dass ich nicht die besten Voraussetzungen mitbringe. Ich zitiere T.Pucci: […]Wäre Dein Auto ein besonderes Modell oder der Erstbsitzer wäre Louis Renault ;-) würde es sich evtl. lohnen, aber so ... Nicht falsch verstehen, Unterstützung bekommst Du hier bestimmt genug aber machen und bezahlen mußt Du es selbst. Egal wie Du Dich entscheidest - viel Erfolg und grundsätzlich mal herzlichen Glückwunsch zum R4 Virus.... […]
Aber ich wollte nicht hören. Ich zitiere mich selbst:
Hi r4thomas, danke das du meine Euphorie ein wenig bremsen möchtest und mich auf den Boden der Tatsachen holen möchtest. Ich glaube euch, wenn ihr sagt das es günstiger wäre einen anderen R4 in einem besseren Zustand zu kaufen. Mein Vater sagt das gleiche (und der hat auch viel zu oft Recht ;) ) ABER: Der Weg ist das Ziel. Ich habe mir diesen R4 ausgesucht und will genau diesen fertig machen. Bekannte und Freunde haben das Auto in diesem Zustand schon gesehen, ich möchte es ihnen, euch und mir beweisen diesen R4 wieder auf die Straße zu bringen, auch wenn es ein R$ wird. […]
Verkaufen und ein besseres Exemplar kaufen stand für mich nie zur Debatte. An dieser Stelle sei gesagt: Es wurde ein R$! Ich habe nicht gezählt, habe sicherlich nicht mehr alle Rechnungen für Material, aber alleine die Mietkosten für die spätere und aktuelle Werkstatt haben die 3500€ schon überschritten. Aber 2013 war das Geld nicht da und ich hatte Spaß an der Restauration. Spaß hattet auch ihr an meinen unzähligen Fragen, zu sehen wie naiv man an eine Sache rangehen kann und zu wissen, dass dies entweder ein Projektabbruch wird oder eine sehr lange Geschichte.
Einzug in meine 25qm- Werkstatt
Bis 2016, dem Einzug in meiner ersten Werkstatt, hielt ich euch noch mit Bildern und Fragen auf dem Laufenden, danach kam nur ab und an Fragen von mir, häufiger Tipps an andere, denn obwohl mein R4 noch nicht fuhr, hatte ich den Tipp von Alois befolgt und das Forum durchgelesen und das MR auch. Die Erfahrungen die ich bei der Restauration gesammelt habe sind unbezahlbar. Ich habe unzählige Werkzeuge kennen gelernt und angeschafft, Wissen gesammelt, immer viel zu allen Themen gelesen, wenn der nächste Arbeitsschritt anstand und bin so inzwischen auf einem ganz guten Level. Die Überholung meines Motors habe ich mich nur Dank Tom ( solarR4) getraut und mit Hilfe seiner Expertise gemeistert. Auch Thomas (R4D4) hatte seine Finger beim Motor im Spiel. Ihn hatte ich auf der Durchreise 2019 mit meinem Motor besucht und er half mir beim Tausch der Kurbelwellenlagerschalen.
 Motor vorher
 Motor hinterher
Nicht nur außen angepinselt, sondern auch auf die inneren Werte überholt Hilfe bekam ich aber auch noch von vielen anderen aus dem Forum in Form von Tipps und Teilen. Dazu geht mein Dank an Gerd (gerdohnepferd) für das Spenderblech unterhalb der Windschutzscheibe Volker (vopri) für Motorhaube und Kotflügel Ingo (Ingo Heitel) für Tankstutzen und Sitzbezug Thomas (T.Pucci) für Kühlergrill, Rücklichter und Co Tom (solarR4) für Benzinpumpe und unzählige Tipps Thomas (R4D4) für unzählige Tipps Paul (boxerpauli) für Reparaturblech Seitenwand, Luftfilter und Blinkerschalter Dirk (Dirk Rackwitz) für Antriebswellen, Lüftungsgitter und Motorhaubenscharniere
…und gewiss noch ein paar Andere an die mich gerade nicht erinnere.
Warum dauert so etwas 9 Jahre?
Diese Frage musste ich häufig hören. Zum Glück bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, aber ich möchte hier trotzdem mal erklären, wieso die Restauration 9 Jahre gedauert hat. Nicht das hier jemand abgeschreckt wird und sein Projekt aufgibt. Der erste Grund ist das ich neben keiner Ahnung auch die ersten 3 Jahre über keine Werkstatt verfügte. Und darauf ist man zum Restaurieren angewiesen. Alternativ braucht man tolerante Nachbarn oder keine Nachbarn in der Nähe und Strom braucht man auch. Meine erste Werkstatt hatte ich erst 2016. Es war eine Traktorgarage auf einem Bauernhof mit Strom und Licht. Leider fast 20km entfernt und trotzdem war ich recht häufig da. Aber nicht immer arbeitete ich am R4. Denn 2017 kaufte ich einen alten Mercedes, der auch immer wieder Liebe brauchte, um mich zuverlässig zur Arbeit zu bringen. Auch habe ich anfangs versucht bei den Ersatzteilen zu sparen. So habe ich die Längsträger unterm Kofferraum lieber nachgebaut als zu kaufen.

So etwas kostet Zeit und spart letztendlich nicht viel Geld, aber das musste ich erst lernen. Des Geldes wegen, aber auch weil es Spaß machte, führte ich bis auf das Sandstrahlen des Chassis, alle Arbeiten selbst aus. Und alles was man zum ersten mal macht dauert ein Vielfaches länger als beim Profi. Irgendwann kam ich auch zu dem Punkt, dass ich alles überholen wollte. Auch das was nicht kaputt schien wurde zum Beispiel mit neuen Dichtungen etc versorgt. Das spart mir hoffentlich in Zukunft größere Reparaturen, hat aber viel Zeit gefressen.
In meiner Freizeit hatte ich neben . Und meine Freundin durfte auch nicht zu kurz kommen. Also kurz gesagt: meine Freizeit verbrachte ich nicht nur am R4.
Anfang 2020 restaurierte ich noch zusammen mit einem Freund ein halbes Jahr lang ein Dreirad, Piaggio Apecar.


Und im Sommer 2021 erhielt ich zusammen mit meinem Freund die Möglichkeit in eine größere Werkstatt umzuziehen. Da es sich dabei um einen alten Stall ohne alles handelte brauchten wir dazu ein halbes Jahr.
 Stand Vorher und Zwischendurch

 Chaos beim Umzug in die neue Werkstatt – es hat sich doch schon einiges angesammelt

Der Endspurt
Nach einem Heiratsantrag meinerseits an meine Freundin im August 2021 und dem Wunsch den R4 als Hochzeitsauto zu haben, begann nach Fertigstellung der Werkstatt im Dezember 2021 ein Wettlauf gegen die Zeit. So hatte ich aber ein festes Ziel vor Augen. An diesem Punkt sah der R4 so aus:

Ab da an habe ich wieder sehr intensiv an dem R4 gearbeitet. So intensiv, dass es zwischenzeitlich auch keinen Spaß mehr machte.
 Selbst lackiert wurde auch







Gute 2 Wochen vor der Hochzeit wurde der R4 fertig und so konnte geheiratet werden  Inzwischen sind die ersten 500km gefahren und der erste Ölwechsel und das Nachziehen der Zylinderkopfschrauben steht auf dem Plan.
Vielen Dank an alle die mich bei diesem Mammutprojekt unterstützt haben und den Nachwuchs erfolgreich gefördert haben  Lieben Gruß Jan
Geändert von -cono- am 4.Oct.2022 7:52 |